Ein Streifzug durch die Geschichte des Rechenschiebers

Der erste Rechenschieber von Faber-Castell wurde 1892 gefertigt. Die Geschichte des Rechenschiebers ist aber 250 Jahre älter. Anfangs konnte man nur addieren und subtrahieren, später wurden komplexere Anwendungen möglich. 1969 läutete die Erfindung des Taschenrechners das Ende des Rechenschiebers ein. Bis dahin ermöglichte er Mathematikern, Physikern, Ingenieuren und vielen anderen Berufsgruppen ein schnelles Rechnen.

 

Die Anfänge: 1892

Der erste Rechenschieber von Faber-Castell wurde 1892 im Zweigwerk Geroldsgrün in Oberfranken, das 1861 von Lothar Freiherr von Faber gegründet wurde, hergestellt.

Die Rechenstäbe Nr. 350 und 360 sind die ersten Modelle. Der Rechenstab Nr. 350 ist aus Buchsbaumholz mit sogenanntem Mannheim-Skalenbild und Glasläufer. Der Rechenstab Nr. 360 ist ebenfalls aus Buchsbaumholz, aber mit Zelluloidauflage. Beide Modelle sind verkürzt abgebildet, vom oberen (Nr. 350) die linke Hälfte, vom unteren (Nr. 360) die rechte Hälfte.

 

Modernisierung und Krise: Die Jahre um den 1. Weltkrieg

Ein Katalog von 1912 bietet ein Sortiment von 20 Rechenstab-Ausführungen aus Birnbaumholz in hoher Präzision und Qualität mit einer Zelluloidauflage an. Die Rechenstab-Fertigung wurde zunehmend modernisiert. Auf einer Teilmaschine wurden Skalierungen in sogenannte Teilleisten eingeschnitten, in jeden Schlitz für jeweils einen Skalenstrich wurde ein winziges Stahlmesser eingesetzt. Das gesamte Teilwerkzeug drückte dann in einem Arbeitsgang das Skalenbild auf den Rohkörper. Der Erste Weltkrieg hat die günstige Entwicklung seit Beginn der Einführung unterbrochen. Nachkriegszeit und Inflation erschwerten den Verkauf. Nach wie vor wurde der Rechenstab nur von Ingenieuren und Technikern, selten von Kaufleuten benutzt. Um das zu ändern, entwickelte man auch Rechenstäbe für Forstbeamte, Holzhändler, Eisenbetonbauer und natürlich auch für Kaufleute.

 

Boom und Einbruch: 30er Jahre und 2. Weltkrieg

Etwa ab 1931 bahnte sich eine rasante Aufwärtsentwicklung an. Der Rechenstab wurde zum wichtigen Arbeitsgerät des Ingenieurs und fand weite Verbreitung. Auch an Schulen wurde das Stabrechnen eingeführt und teilweise vorgeschrieben. Hierfür wurden sehr einfache preiswerte Schulmodelle gebaut. 1935 wurde ein neues Modell (System Darmstadt) herausgebracht, das Faber-Castell für lange Zeit eine hervorragende Marktstellung sicherte. Der damals aus Birnbaumholz mit Zelluloidauflage gefertigte Rechenstab 1/54 wurde zu dem "Rechenstab des Ingenieurs". Die Abbildung zeigt den Rechen-schieber 1/54 System Darmstadt und den Rechenschieber 1/54A System Darmstadt mit Addiator (Rückseite). Bis 1940 gab es mehr als 50 verschiedene Modelle für Technisches und Kaufmännisches Rechnen, aber auch für Spezial-Anwendungen.

In der Kriegszeit 1939-1945 war die Produktion stark eingeschränkt; nur eine begrenzte Menge konnte für den zivilen Bedarf gefertigt werden. Weitere Losgrößen und bestimmte kriegswichtige Sorten wurden von staatlichen Stellen vorgeschrieben und die Rohstoffe dafür freigegeben.

 

Wirtschaftswunderjahre: Die Nachkriegszeit

1950 wurden für die Rohkörper der Rechenstäbe neue Fertigungsmethoden eingeführt. Neben dem bewährten Sortiment der Holz-Rechenstäbe wurden mehr und mehr auch Kunststoff-Ausführungen angeboten. Der große wirtschaftliche Aufschwung brachte es mit sich, dass der Rechenstab nochmals eine Blütezeit erlangte. Die erfolgreichen und bewährten Holzversionen der Systeme Rietz, Darmstadt, Elektro erhielten Ergänzung durch Kunststoff-Versionen. Es wurden Sondermodelle für verschiedene Berufsgruppen gefertigt. Große Mengen Schul-Rechenstäbe fanden ihren Absatz, nachdem ihre Anwendung verbindlich an den Schulen vorgeschrieben wurde. Die Doppelseiten-Rechenstäbe setzten sich mehr und mehr durch. 37 Patente (DRP und DBP) und 95 erteilte Gebrauchsmuster-Schutzrechte belegen die Bedeutung des Rechenschieber-Geschäfts für Faber-Castell. Als Spitzenprodukte der letzten Jahre wurde der Schul-D-Stab, vor allem aber der Novo-Duplex bekannt, der heute noch von Experten als bester Rechenstab der Welt bezeichnet wird.

 

Der Taschenrechner: Das Ende des Rechenschiebers

1974 hat Faber-Castell ein Taschenrechner-Modell entwickelt, das einen Taschenrechner mit einem Rechenstab vereinigt und als Serie TR 1 - TR 3 bekannt wird. TR kann sich aber gegen Massenproduktion aus Fernost und Billigangebote nicht durchsetzen. Die Rechenstäbe in ihrer ursprünglichen Form und Arbeitsweise verlieren inzwischen immer mehr an Bedeutung, auch an den Schulen. Ca. 1973 wird die Fertigung von Rechenschiebern eingestellt und 1975 kommt der Absatz zum Erliegen.


Heute sind Rechenschieber nur noch für Sammler und Liebhaber von Interesse. Der letzte Leiter der Geroldsgrüner Abteilung, Herr Dieter von Jezierski, hat eine Dokumentation über Rechenschieber (weltweit) im Selbst-Verlag herausgebracht. Dieses hochinteressante Buch hält die "Kulturgeschichte" der Rechenschieber für die Nachwelt fest.

 

Von einigen Rechenstabmodellen sind bei Faber-Castell noch Restmengen vorrätig. Infos erhalten Sie unter: 0911 - 9965 5410 oder info@Faber-Castell.de